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LSVD Sachsen-Anhalt

Allgemeine Pressearbeit

Interview mit dem Stadtmagazin DATES

Regenbogenbunt

LSVD-Vorstand Martin Pfarr über Lebenspartnerschaftsgesetz, 25 Jahre Aids, die neue Landesregierung, den CSD und das Liebigstraßenfest 2006
Martin

Am 1. August feiert ihr in Magdeburg 5 Jahre Lebenspartnerschaftsgesetz. Wie ist die Bilanz?

Es gibt mittlerweile in der Bundesrepublik mehrere tausende eingetragene Partnerschaften und mehrere hundert in Sachsen Anhalt. Das sind letztendlich weniger, als wir erwartet haben, aber das liegt zum Teil daran, dass diese Partnerschaft nach wie vor sehr viele Pflichten beinhaltet aber sehr wenig Rechte.

Ihr habt vor der Landtagswahl eure Wahlprüfsteine aufgestellt. Wie beurteilt ihr die Landesregierung?

Wir sind schon so realistisch, dass unser Thema nur eines von vielen ist und die neue Landesregierung erst einmal Fuß fassen muss. Nichtsdestotrotz werden wir nachfragen. Der erste Eindruck ist ein gemischter. Es sind unterschiedliche handelnde Personen, während wir bei der CDU jahrelang einfach nicht vorgekommen sind oder vorgefertigte Baukastenantworten bekommen haben, ist das Verhältnis zu den SPD-Ministern konstruktiver. Unsere zuständige Ministerin, Gerlinde Kuppe, war ja schon acht Jahre lang Ministerin. Wir hatten ein vertrauensvolles Verhältnis und sie hat sich um den Abbau von Diskriminierungen bemüht.

Hat das auch Auswirkungen auf den CSD?

Nein, der Christopher-Street-Day war durch die schwarz-gelbe Landesregierung ausdrücklich von den Zuwendungen des Landes ausgenommen worden, was bis heute fortgilt. Der CSD lebt ausschließlich von Sponsorengeldern und einer Unterstützung von Lotto-Toto.

Der CSD mit dem Liebigstraßenfest ist für euch zuvorderst ja ein politisches Forum.

Richtig, der CSD ist weniger Anlass zum Feiern, mehr zum Kämpfen. Es ist der Tag, an dem wir in der Regel die Aufmerksamkeit der Medien haben und wir unsere Themen vorbringen können. Einige Punkte sind schon genannt worden z.B. Finanzierungsfragen, auch Gewalt gegen Lesben und Schwulen, wo es Initiativen aus der Politik geben muss, auch Erziehung ist mehr denn je Landesthema.

Lässt sich Gewalt gegen Schwule in Zahlen ausdrücken?

Da gibt es keine belastbaren Zahlen. Wir müssen davon ausgehen, dass wir in Magdeburg wie in den großen Städten eine Dunkelziffer von 90 % haben. Selbst hier im LSVD erfahren wir mehr Fälle um mehrere Ecken als direkt. Wir haben immer wieder Fälle von Gewalt, aber auch Raub und Erpressung. Schwule Männer sind die vermeintlich schwächeren. Dabei gibt es seit 1995 regelmäßige Schulungen der Polizei. Die sind darauf eingestellt, können damit umgehen, aber die Opfer gehen darauf nach wie vor zu wenig ein.

Euer Motto beim diesjährigen CSD heißt großgezogen "Ein Europa, ein Recht".

Es sind drei Schwerpunkte gewesen in der politischen Zielsetzung dieses CSD. Punkt eins: die Vervollkommnung der Lebenspartnerschaftsgesetze um wichtige Punkte wie Steuerrecht oder Erbschaftsrecht. Punkt zwei: das Antidiskriminierungsgesetz. Das ist jetzt passiert mit dem Gleichbehandlungsgesetz, was mit Abstrichen im Wesentlichen der noch von Rot-Grün erarbeiteten Variante entspricht und über die geforderten EU-Standards hinausgeht. Der dritte Punkt ist die Menschenrechtssituation in Osteuropa. Wir haben die Demonstrationsverbote in Riga, Moskau oder das Beinahe-Verbot in Warschau mitbekommen. Wir haben ein Europa, dass sich als eines versteht, hier aber starkes Gefälle aufweist. Aber Deutschland war auch nicht Vorreiter, bei der Öffnung der Ehe gingen Spanien, Belgien oder die Niederlande voran.

Trotz weniger Geld hat man das Gefühl, das Angebot eures Landesverbandes wird größer?

Geld hin, Geld her, wir haben 10 ehrenamtlich aktive Leute hier, die viel Freizeit investieren und sogar privates Geld mit einbringen. Jeder Euro, der hier an Zuwendungen fließt, multipliziert sich hier um ein Vielfaches. Wir haben Angebote für Lesben und Schwule in allen Lebenslagen, hier ist praktisch jeden Tag etwas los. Im Gegensatz zu anderen Landesverbänden sind wir hier auch stark sozial engagiert.

In diesen Tagen begehen wir auch 25 Jahre AIDS...

Es steht auf der Agenda, ist aber nicht unser spezielle Sache. Es ist ein Präventionsthema durch alle Gesellschaftsschichten. Leider auch eine Wahrnehmungsfrage. Die Presse schreibt von steigenden Infektionszahlen bei Schwulen, unterschlägt aber, dass die Zuwachsraten bei Heterosexuellen erheblich höher liegen. (c)
Veröffentlicht am: 01.08.2006