Wir erinnern an Hsoum Ling-Li

Hsoum Ling-Li, geboren am 7. März 1904 in Kanton (China), Arbeiter, wohnhaft in Magdeburg, Prälatenstraße 16. Er wird im Juni 1940 verhaftet, Untersuchungsgefängnis Magdeburg, bis 1942 Zuchthaus Brandenburg, Juni 1942 KZ Sachsenhausen, Außenlager Klinkerwerk, dort ermordet am 17. Juli 1942.

Was wissen wir von ihm?
Hsoum Ling-Li stammt aus Kanton. Kanton ist sowohl der Name für die Stadt unweit von Hongkong, als auch für die sie umgebende südlichste Provinz Chinas. Der Vorname Hsoum findet sich in den Akten auch in der Schreibweise Hsum oder Li-Hsum. Auch der Nachname taucht in verschiedenen Schreibweisen auf: Ling-Li oder Ling. Offenbar haben Justiz und SS Probleme mit dem chinesischen Namen.
Welches Schicksal Ling-Li als Chinesen in diesen Kriegszeiten nach Deutschland verschlagen hat, ist unbekannt. 1940 wohnt er in der Prälatenstraße 16 in der Altstadt Magdeburgs (Die Jahrhunderte alte „Prälatenstraße“ heißt seit 1975 Max-Josef-Metzger-Straße, 2005 wird ein Teil der Straße rückbenannt).
Die Hausnummer 16 befand sich etwa dort, wo heute die Krügerbrücke in die Himmelreichstraße mündet. Die Anschrift ist auf der Gefangenenkarte von Hsoum Ling-Li verzeichnet. So wird der chinesischdeutsche Arbeiter auf dieser Gefangenenkarte beschrieben: 1,61 m groß, von untersetzter Gestalt, volles Gesicht, braune Augen, „Stupsnase“, eine Narbe an der Wange, schwarzes Haar, eine freie Stirn, rasiert. Weiter heißt es, er sei ledig und kinderlos und er spreche sowohl chinesisch als auch deutsch. Zu seiner Religion gibt es unterschiedliche Angaben, mal heißt es, er sei ohne Religion, mal, er sei evangelisch. Verwandte habe er laut eigener Aussage keine.
Ende Juni 1940 liefert die Polizei Ling-Li wegen „Sittlichkeitsverbrechens“ in das Untersuchungsgefängnis Magdeburg ein. Ende August desselben Jahres transportiert man ihn für einen Termin am Landgericht Berlin – ob als Zeugen oder Angeklagten, ist nicht bekannt – in das Gefängnis Berlin-Moabit. Mitte Oktober ist er wieder zurück im Gefängnis Magdeburg, wird aber bereits Ende des Monats erneut nach Berlin gebracht, diesmal kommt er dort in Untersuchungshaft. Das lässt vermuten, dass er in Berlin auch verurteilt wird. Jedenfalls verliert sich seine Spur in Magdeburg. Auf seiner Gefangenenkarte ist noch ein wieder durchgestrichener Vermerk zu erkennen, der besagt, er sei zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Vielleicht wurde er ja auch zweimal verurteilt. Denn vermutlich erhielt er eine Zuchthausstrafe von etwa zwei Jahren. Bekannt ist jedenfalls, dass er Anfang Mai 1942 aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden „entlassen“ wird. In dem Gefängnisbuch ist zunächst „Ausweisung“ vermerkt, dies ist aber auch wieder gestrichen worden.
Tatsächlich dürfte Ling-Li nicht in die Freiheit entlassen sondern wieder der Polizei übergeben worden sein, vermutlich, zumal er Ausländer ist, der Gestapo. Denn im Juni 1942 transportiert man ihn als „Berufsverbrecher“ in das KZ Sachsenhausen. Er erhält die „Häftlingsnummer 43.263 § 175“. Sehr bald wird er mit fast allen Schwulen aus dem KZ Sachsenhausen weiter in das Außenkommando Klinkerwerk transportiert. Klinkerwerk ist die „Mordfabrik“ des KZ Sachsenhausen, ein Großziegelwerk mit eigenem Hafen an der Lehnitzschleuse. Hier sollen Ziegel für Albert Speers geplante Großbauvorhaben in Berlin produziert werden. Von Juli bis September 1942 werden hier fast alle Rosa-Winkel-Häftlinge des KZ Sachsenhausen in einer gezielten Aktion der SS ermordet, 180 bis 200 Menschen. Im Klinkerwerk wird auch ein anderer Homosexueller aus Magdeburg gefangen gehalten, Kurt Köpp, dem Hsoum Ling-Li begegnet sein könnte. Es ist gut denkbar, dass sich die beiden auch schon aus Magdeburg kennen.
Am Freitag dem 17. Juli 1942 wird Hsoum Ling-Li zusammen mit acht weiteren Homosexuellen ermordet, Kurt Köpp mit sieben anderen Schwulen bereits eine Woche vorher. Im“Sterbebuch Oranienburg“ wird unter dem Namen Hsoum Ling-Li folgende Todesursache verzeichnet:
„Schulterblattschuß mit Durchtrennung des Herzens bei Fluchtversuch“. Offenbar wird er von hinten und schräg von oben erschossen. Die am häufigsten angegebene Todesursache bei der SS-Mordaktion lautet „bei Fluchtversuch erschossen“.
Hsoum Ling-Li ist, als er stirbt, erst 38 Jahre alt.

Quellen: Recherchen von Rainer Hoffschildt und Christian-Alexander Wäldner (beide Hannover) und – im Archiv in der Gedenkstätte Sachsenhausen – Fred
Brade und Joachim Müller; Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt Abteilung Magdeburg (C 144 Gefängnis Magdeburg, Gommern und Schönebeck B, Nr. 276 A ˆ Z); ITS-Archiv Bad Arolsen: (Gruppe PP Ordner 3158, S. 58, Seite des Gefangenenbuches); Müller, Joachim, Unnatürliche Todesfälle, Vorfälle in den Außenbereichen Klinkerwerk, Schießplatz und Tongrube, in: Joachim Müller, Andreas Sternweiler, Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen, Berlin 2000, S. 216 ˆ 263; Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen: FSB-Archiv, Moskau, N-19092/Tom 98, B. 193, (Signatur im Archiv Sachsenhausen: JSU 1/98, Bl. 193); Sterbebuch Oranienburg, Nr. 2142 vom 29.07.1942.
Der Stolperstein für Hsoum Ling-Li wurde vom Lesben- und Schwulenverband Sachsen-Anhalt gespendet.

0 Comments

Leave a Reply

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>