Zur Erinnerung an Homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus

Dort, wo Menschen wohnten oder wirkten, setzt der Kölner Künstler Gunter Demnig seit Jahren in Deutschland den Opfern des Faschismus mit der Aktion „Stolpersteine“ ein Gedenken. Seit 1992 wurden über 8000 Erinnerungssteine in Deutschland in das Straßenpflaster verlegt, eine Messingplatte, auf der die Namen und Lebens-Daten zu lesen sind. Es wurden Millionen jüdischer Familien Opfer dieser Barbarei – aber auch andere Gruppen: über 400 Roma und Sinti in Magdeburg, Widerstandskämpfer/innen, Homosexuelle Männer und Frauen, Behinderte aus den Pfeifferschen Stiftungen, Zeugen Jehovas.

Hinzu zu zählen sind auch die in Magdeburg ermordeten Zwangsarbeiter,-innen, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene. Die Naziverbrecher zerstörten einen wichtigen Teil von Magdeburgs Kultur und gesellschaftlichem Leben – konnten ihn aber zum Glück nicht auslöschen- sonst würden wir heute nicht hier stehen.

Am 18. März 2007 wurden die ersten 13 Stolpersteine in Magdeburg verlegt. Der Stadtrat hatte das beschlossen und  eine Arbeitsgruppe vorbereitet.

Inzwischen sind es 33 Steine. Am 23. 11. 2009 werden noch weitere dazu kommen – und in diesem Jahr auch zur Erinnerung an 2 Homosexuelle Opfer: Benno Meyer und Hsoum Ling. Jeder/ jede kann „mit den Blicken“ über die zukünftigen Steine  stolpern und wird erinnert: „Hier waren Menschen zu Hause, die ermordet wurden. Auch bei mir nebenan.“
In einigen Fälle sind Angehörige bekannt, die dann nach Jahrzehnten zum ersten Mal einen Ort haben, der an Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel  erinnert.
Ob sich Verwandte aus dieser Zeit bei den Homosexuellen finden werden – bleibt noch offen….
Begleitend zu der Verlegung von Stolpersteinen in Magdeburg entsteht ein Gedenkbuch ermordeter Opfer des Nationalsozialismus, das im Rathaus aufbewahrt wird und festhält, was aus dem Leben der Frauen, Männer, Kinder bekannt ist.
Und besonders im Bereich der Geschichtsrecherche zur Homosexualität ist dies ein bisher oft blinder Fleck- auf den nun ein Licht gerichtet ist.
Selbstverständliche Nachbarschaft und Kollegialität gab es weder für die jüdischen Familien im vergangenen Jahrhundert noch für Homosexuelle. Und dies trifft auch leider heute noch nicht zu – solange noch Gefängnisstrafen und Todesstrafen gelten – neben fortschrittlichen Gesetzesgrundlagen und verbesserten Rechten.
3200 jüdische Menschen gab es 1928 in Magdeburg. 1521 von ihnen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet, davon 287 Kinder – unfassbare Zahlen – Menschenleben!
Wie hoch die Anzahl der homosexuellen Frauen und Männer war, die Opfer des Faschismus wurden – wie Einzellschicksale verliefen – Lebenswege – kann nur in wenigen Einzellfällen recherchiert werden. Da weibliche Homosexualität offiziell nicht strafbar war, verhafteten die Nazis lesbische Frauen meist unter Vorwänden. Deshalb sind „wissenschaftliche Erkenntnisse“ über die Verfolgung weiblicher Homosexualität kompliziert. Anders als bei der Verfolgung homosexueller Männer, die anhand von Polizeiakten und KZ-Dokumenten nachvollzogen werden konnte, sind die Schicksale homosexueller Frauen fast ausschließlich durch die Berichte Überlebender zu rekonstruieren.

Eine äußerst schwierige Arbeit. Allein das Finden von Zeitzeuginnen erwies sich auch in Magdeburg als Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, da ältere und alte Frauen nicht in die Gruppen der Lesbenbewegung strömten. Wir werden aber weiter suchen… Rainer Hoffschildt recherchierte in den letzten Monaten die Biografien von homosexuellen Männern und wurde fündig – da es ein wirkliches Interesse des LSVD Sachsen-Anhalt , des Politischen Runden Tisches der Lesben und Schwulen des Landes und der Stadt Magdeburg – des Amtes für Gleichstellungsfragen – daran gab. Der Lichtschein darf somit noch nicht ausgestellt werden – der Lichtkegel sich nicht zu früh senken – da die Arbeit eigentlich erst begonnen hat.

Ingeborg Bachmann, Was wahr ist
„Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,
was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab
als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,
was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.“

Heike Ponitka, amt. Gleichstellungsbeauftragte der LH MD, bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an Homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus 20.08.2009

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