Gegen das Vergessen

Rede zur Gedenkveranstaltung für ermordete Homosexuelle aus Magdeburg am 20. August 2009
von Martin Pfarr

Die ermordeten Homosexuellen haben keinen Grabstein. 63 Jahre nach der Befreiung wurde für sie ein nationaler Ort der Erinnerung der Öffentlichkeit übergeben: Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin.  16 Jahre hatte der LSVD dafür gekämpft.
Nun haben wir durch die in diesem Jahr mit finanzieller Unterstützung der Landeshauptstadt durchgeführten Forschungen erstmals auch die Möglichkeit, Namen von Magdeburgern zu kennen, die wegen des § 175 verurteilt und in den  KZ ermordet wurden.

Wir gedenken heute stellvertretend für eine Reihe weiterer bekannter Opfer der ermordeten Hsoum Ling Li und Benno Meyer.  Für beide werden wir an der Stelle, wo sich ihr letztes Wohnhaus befand, am 23. November Stolpersteine verlegen können. Es wird das erste Mal sein, dass in Magdeburg Stolpersteine für ermordete Homosexuelle verlegt werden, nachdem bereits zahlreiche solcher Steine für jüdische Opfer im Stadtgebiet liegen. Wir rechnen damit, dass wir in den nächsten Jahren für 10 bis 15 ermordete Homosexuelle in Magdeburg Stolpersteine verlegen können.
Für die Verfolgten, die 1945 überlebt haben, kommen die Ehrungen leider zu spät. Das ist sehr bitter. Der letzte dem LSVD bekannte aus der Haftgruppe der Homosexuellen ist der inzwischen hochbetagte Rudolf Brazda. Er hat sich bei uns unmittelbar nach der Denkmalsübergabe von Berlin gemeldet und seither an einigen Gedenkveranstaltungen in Berlin teilnehmen können.
Einer der letzten Überlebenden war Pierre Seel. Er wurde als 17 jähriger im besetzten Elsass verhaftet, von der Gestapo gefoltert und in verschiedene Lager verschleppt. Er musste in einem der Lager der Hinrichtung seines Freundes zusehen, seiner ersten großen Liebe. Pierre Seel erinnerte sich später:
„Alle Gefangenen mussten auf dem Hauptplatz antreten, dazu gab es Musik. … Wagner, etwas Militärmusik auch. Ich stand vielleicht zehn Meter von meinem Freund entfernt. Man hat ihn ausgezogen, einen Eimer auf den Kopf gesetzt und die deutschen Schäferhunde losgelassen. Er wurde vor unseren Augen von den Hunden zerrissen und gefressen. Überall war Blut.“
Aus dem KZ Sachsenhausen kennen wir das Klinkerwerk. Hier und im Steinbruch von Buchenwald wurden in systematischen Aktionen Homosexuelle ermordet.  Auch in Sachsen-Anhalt gab es Konzentrationslager, in denen Homosexuelle geschunden und ermordet wurden. Am bekanntesten ist dafür das KZ in der Lichtenburg in Prettin bei Wittenberg. Es war eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland überhaupt. Hier wurden auch sehr viele Homosexuelle eingeliefert, viele davon aus Berlin. Gegenwärtig ist dort  eine Gedenkstätte im Entstehen, die auch der homosexuelle Häftlinge gedenkt. Ein weiteres KZ befand sich bei Langenstein bei Halberstadt im Harz.
Nach dem in der NS-Zeit verschärften § 175, dem § 175 a genügte bereits ein Kuss unter Männern, um einen Homosexuellen zu verurteilen. Über 50 000 schwule Männer wurden während des Nationalsozialismus nach dem § 175 verurteilt. Nach Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe wurden viele von ihnen nicht etwa in die Freiheit entlassen, sondern in den Konzentrationslagern in sogenannte Schutzhaft genommen. Das Erkennungszeichen für die aufgrund des § 175 in die KZ verbrachten Homosexuellen war der Rosa Winkel.
Insgesamt wurden in den deutschen Konzentrationslagern zwischen 5 000 und 10 000 homosexuelle Männer ermordet.
Lesbische Beziehungen wurden nicht strafrechtlich verfolgt. War den Nazis die Homosexualität inhaftierter Frauen bekannt, bedeutete das dennoch verschärfte Bedrohung. Die Situation lesbischer Frauen im Nationalsozialismus ist zwar „kaum mit eindeutigen Verfolgungskriterien zu belegen“, wie die auf diesem Gebiet besonders intensiv forschende Historikerin Claudia Schoppmann 2005 in einem Vortrag im Kolloquium in Vorbereitung das Kunstwettbewerbes für das Berliner Denkmal äußerte.  Schwule und Lesben erlebten aber gemeinsam die Zerschlagung ihrer Infrastruktur durch die Nazis. Lesbische Frauen  lebten eingeschüchtert und waren in ihren Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Es war eine „Zeit der Maskierung“.
Die überlebenden homosexuellen NS-Verfolgten wurden nach 1945 keineswegs mit offenen Armen empfangen, weder in Osten noch im Westen. Im Gegenteil: Sie wurden angefeindet und verachtet – ähnlich wie die Überlebenden des Völkermords an Sinti und Roma, wie die Opfer von Zwangssterilisierung oder die Deserteure der Wehrmacht. Auch an dieses Unrecht nach 1945 ist heute zu erinnern.
Das Morden war vorbei, aber die Verfolgung ging weiter. Einige Rosa-Winkel-Häftlinge wurden nach der Befreiung aus dem KZ sofort wieder ins Gefängnis gesteckt. Sie mussten, darauf wies bereits Frau Dr. Hoffmann  in ihrem Grußwort hin,  ihre Reststrafe nach § 175 absitzen. Es ist ein monströser Schandfleck unserer Demokratie, dass das Homosexuellenstrafrecht der Nazis in der BRD bis 1969 unverändert in Kraft blieb. Es gab in der Bundesrepublik 50 000 Verurteilungen nach dem § 175 – fast so viele wie in der NS-Diktatur. Auch in der DDR-Diktatur wurden mehre tausend Menschen wegen ihrer Homosexualität verurteilt und eingesperrt, bevor 1957 das Strafrecht gelockert wurde. Weitere Generationen Homosexueller wurden in Deutschland um ihr Lebensglück betrogen. Es ist ungeheuerlich, dass in beiden deutscen Staaten Menschen im Gefängnis landeten, nur weil sie anders liebten. Das waren schwere Menschrechtsverletzungen. Auch dieses Unrecht muss endlich aufgearbeitet werden!
Erst 1988 wurde in der DDR und 1994 in der gesamten Bundesrepublik im Zuge der Rechtsangleichung im wiedervereinten Deutschland das Homosexuellenstrafrecht ganz abgeschafft.
Die Übergabe des Denkmals im Vorjahr wie das Gedenken an die verfolgten Homosexuellen an weiteren Orten wie in Neuengamme oder durch die Verlegung von Stolpersteinen zeigen: Verachtung und Unterdrückung von Homosexualität ist kein Naturgesetz, sondern ein unseliger Traditionsrest aus vordemokratischer Zeit. Homosexuellenfeindlichkeit ist hartnäckig, wie auch die wiederholten Schändungen des Berliner Denkmals  zeigen. Aber die zunehmende Zahl der Orte der Erinnerung zeigt: Es ist eine gesellschaftliche Krankheit, die überwunden werden kann.
Das sendet ein Signal der Hoffnung in die ganze Welt. In vielen Ländern werden Lesben, Schwule und Transsexuelle misshandelt, ja ermordet, ohne das staatliche Behörden eingreifen. In über 80 Staaten herrscht Strafverfolgung, in einigen steht auf gelebte Homosexualität die Todesstrafe. Stellen Sie sich plastisch vor, was es für ein Leben ist, wenn ein Liebespaar jede Nacht fürchten muss, dass die Sittenpolizei an die Tür klopft. Das ist ein Leben bar jeder Menschenwürde.
Aus seiner Geschichte heraus hat Deutschland die Pflicht, klare Kante zu zeigen gegen jede Form von Menschenrechtsverletzungen an Lesben, Schwulen und Transsexuellen in der ganzen Welt. Wir können heute hier in Magdeburg unseren Anteil daran leisten und leisten ihn auch künftig mit der Verlegung weiterer Stolpersteine.
Für die Stolpersteininitiative in Magdeburg sammeln wir Spenden morgen am Infostand des LSVD beim Abschlussfest des diesjährigen CSD im Garten des Volksbad Buckau, auf unserem Konto oder auf dem Konto der Stadt Magdeburg.

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