Stiftung Gedenkstätten

Neue Dauerausstellung KZ Lichtenburg: „Es ist böse Zeit…“
Zeitweilig waren fast die Hälfte der Häftlinge Homosexuelle

 

Prettin. „Es ist böse Zeit – Die Konzentrationslager im Schloss Lichtenburg“ ist der Titel der neuen Dauerausstellung, die am 01. Dezember 2011 in Prettin (Landkreis Wittenberg) eröffnet wurde.
1935 waren Homosexuelle hier eine der größten Opfergruppen. In der alten Ausstellung aus DDR-Zeiten wurde dies verschwiegen. Nun finden sie hier eine angemessene Würdigung.
Zur Geschichte der Lichtenburg
1565 Der Bau des Schlosses Lichtenburg als Residenz des Herrscherpaares August und Anna von Sachsen beginnt. Später Witwensitz des Kurfürstentums Sachsen.
1812 – 1928 befindet sich hier ein Zuchthaus als preußische „Straf- und Besserungsanstalt“
1933 – 1937 Männer-Konzentrationslager
1937 –1939 Frauen-Konzentrationslager
1939 bis 1945 Standort der SS-Totenkopfverbände und Bekleidungslager der SS
1941 –1945 Außenlager des KZ Sachsenhausen
1945 –1946 Kurzzeitige Internierung von Angehörigen der „Russischen Befreiungsarmee“, anschließend Unterkunft für Sudetendeutsche
1948 –1992 Landwirtschaftliche Nutzung und Lehrlingswohnheim
1965 Einweihung einer ersten Mahn- und Gedenkstätte im „Bunker“
1978 Eröffnung der Dauerausstellung „Die Lichtenburg – Ein faschistisches Konzentrationslager“
1993 Übernahme der Immobilie durch die Bundesrepublik Deutschland, später Verkaufsabsichten und Pläne als Hotelnutzung der Lichtenburg
1999 Opferverbände, darunter die HUK (Homosexuelle und Kirche) machen mobil gegen die Veräußerungspläne. Es beginnt eine breite gesellschaftliche Diskussion zur bundesweiten Bedeutung des KZ als frühes Konzentrationslager und über ein angemessenes Gedenken
2008 Aufnahme der ehemaligen Mahn- und Gedenkstätte in die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt
1.12.2011 Eröffnung der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin und Übergabe der neuen Dauerausstellung

Das Männer-Konzentrationslager 1933-1937
Am 13. Juni 1933 wird die Lichtenburg als „Sammellager“ für politische Gefangene eröffnet. Zunächst dienst es zur Inhaftierung „staatsfeindlicher Elemente“. In der Folgezeit kommen weitere Gefangengruppen hinzu (sogenannte „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“). Seit Herbst 1935 verfolgt das nationalsozialistische Regime ein neuartiges Konzept der Gegnerbekämpfung, die »rassische Generalprävention«. Das heißt, alle Personen, deren Verhalten von dem abweicht, was den Nationalsozialisten als »gesund« oder »normal« gilt, werden verfolgt und interniert. In allen deutschen Konzentrationslagern ist daraufhin ein stetes Anwachsen der Häftlingszahlen zu verzeichnen. In dieser Zeit steigt auch die Zahl der homosexuellen „Schutzhäftlinge“ schnell an. 1935, unmittelbar nach dem sogenannten „Röhm-Putsch“ und der Verschärfung des & 175, stellen die Homosexuellen sogar kurzzeitig die größte Opfergruppe in der Lichtenburg. Die Häftlinge, anfangs aus dem Regierungsbezirk Merseburg stammend, kommen im Laufe der Jahre zunehmend aus Berlin. So wird die Lichtenburg für einige Jahre das deutsche KZ, in der die meisten homosexuellen Gefangenen aus dem Berliner Raum inhaftiert sind. Nach dem „Röhm-Putsch“ werden auch ca. sechzig SA-Angehörige kurzzeitig in das KZ eingewiesen. Die Lichtenburg war im Gegensatz zu vielen der späteren KZ’s kein eigentliches Vernichtungslager. Dennoch waren Quälereien und Folter an der Tagesordnung. Der Prügelbock wurde z.B. im KZ Lichtenburg entwickelt. Auch eine Reihe von Morden ist bekannt.
Momentan sind die Namen von etwa 5.000 männlichen Häftlingen bekannt. Unter ihnen waren der Sozialdemokrat Ernst Reuter (ehemaliger OB von Magdeburg, der von den Nazis 1933 abgesetzt wurde und nach dem Kriege bis zu seinem Tode Regierender Bürgermeister von Berlin war), die SPD-Politiker Friedrich Ebert (jun.) und Carlo Mierendorff, der Arbeitersportler Ernst Grube, der Rabbiner Max Abraham, der deutsch – jüdische Antifaschist und heutige Globalisierungskritiker Ernesto Kroch, der Schriftsteller Hans Lorbeer, der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff (schuf später den weltbekannten Text des Liedes von den „Moorsoldaten“) und der schwule Sänger und Schauspieler Kurt von Ruffin (ehemals Oper in Magdeburg, später Metropol-Theater und Komische Oper Berlin, Rosa von Praunheim drehte über ihn 1991 den Dok.-Film „Stolz und schwul“, der NDR berichtete in einer Reportage unter dem Titel „Wir hatten ein großes A am Bein“ über seine Erlebnisse in der Lichtenburg). Die neue Dauerausstellung zeigt als besonders kostbares Exponat, über das keine andere KZ-Gedenkstätte verfügt, Ruffins gelbe Fußbinde mit dem großen A. Vor Einführung einer einheitlichen Sträflingskleidung und des rosa Winkels wurden damit die homosexuellen Häftlinge gekennzeichnet.
Eine Lesemappe in der Ausstellung schildert beispielhaft für die Schicksale der homosexuellen Häftlinge das Schicksal von Erwin Keeferstein.

Das Frauen-Konzentrationslager 1937 – 1939
Als Frauenkonzentrationslager gewinnt die Lichtenburg Bedeutung als das erste zentrale Frauenkonzentrationslager, das von der SS geführt und der Inspektion der Konzentrationslager unterstellt ist. Eine besonders große Opfergruppe unter den weiblichen Insassen waren Zeuginnen Jehovas. Des Weiteren wurden hier u.a. inhaftiert die deutsch – brasilianische Antifaschistin Olga Benario-Prestes, die deutsche Kommunistin Lina Haag und die deutsch – jüdische Schauspielerin Lotti Huber. Huber wurde durch Rosa von Praunheims Film „Affengeil. Eine Reise durch Lottis Leben“ einem größerem Publikum bekannt und schrieb für Praunheims Film „Tänze des Lasters“ das Drehbuch. Mit ihren Soloprogrammen aus Erzählungen, Tanz, Chanson und Kabarett trat Huber danach bis zu ihrem Tode im Jahr 1998 auf, galt als Star des Berliner Underground und hatte eine große Fangemeinde vor allem in der lesbisch-schwulen Szene.

Das KZ – Außenlager 1941-1945
In dieser Zeit waren etwa 150 männliche und weibliche Häftlinge hier. Die Lagerorganisation war vergleichsweise human. Mit der Annäherung von Russen und Amerikanern gelingt es begünstigt durch das unter den SS-Aufsehern ausbrechende Chaos einigen Häftlingen zu fliehen. Die Ausstellung zeigt u.a. das Tagebuch des Ukrainers Grizenko, das dieser vergraben hatte und hier 2008 wieder entdeckte.

Die nationale Bedeutung des KZ Lichtenburg
Alle Entwicklungen des KZ-Systems in der NS-Zeit sind laut Stiftungsdirektor Langer in der Lichtenburg sichtbar. Vor allem in seiner Frühphase habe das KZ Lichtenburg als zentrales „Schutzhaftlager“ für Preußen und als „Muster- und Ausbildungs-KZ“ bei der Entwicklung und Einrichtung des Konzentrationslagersystems 1945/1935 eine herausragende historische Bedeutung.
Stefanie Endlich umreißt die besondere Bedeutung des KZ Lichtenburg mit folgenden Fakten:
1. In der Frühphase des NS-Staates war Schloss Lichtenburg das zentrale KZ im mittleren Deutschland.
2. Neben Dachau war das KZ Lichtenburg das einzige Lager, dass von 1933 bis zum Kriegsbeginn 1939 existierte
3. Es lässt exemplarisch die Etappen der frühen und mittleren KZ-Entwicklung des NS-Staates erkennen.
4. In besonderer Weise stellt sich hier die Frage der gewaltsamen Zerstörung der Weimarer Republik. Deren politische und kulturelle Vertreter aus den verschiedenen politischen Strömungen stellen anfangs den Großteil der Häftlinge. In den Jahren danach wird hier die Ausweitung der Verfolgung auf andere Gruppen deutlich, die aus unterschiedlichen Grünenden aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft ausgegrenzt“ wurden.
5. Von Ende 1937 bis Mai 1939 war Schloss Lichtenburg das einzige zentrale Frauen-KZ im Dritten Reich.
Endlich stellt auch die Bedeutung des KZ für die Opfergruppe der Homosexuellen heraus. Nach der Verschärfung des § 175 war fast die Hälfte der Häftlinge als Homosexuelle registriert. Schließlich betont sie: „Als authentischer Ort wiederum ist die Lichtenburg in der deutschen Gedenkstättenlandschaft einmalig. Zum einen gibt es kein Schloss und kein aufgegebenes Zuchthaus, das über einen so langen Zeitraum als Konzentrationslager genutzt wurde. … Zum anderen ist die Bausubstanz des Schlosses vollständig erhalten.“

Die Ausstellung
Auf zweimal 200 Quadratmetern präsentiert sich die Ausstellung „Es ist böse Zeit“ im so genannten Werkstattgebäude. Die großzügig verglaste Fensterfront eröffnet den Blick auf das gesamte Schloss, das außerdem als Modell im Erdgeschoss auf einem großen ovalen Tisch im Zentrum der Ausstellung zu sehen ist. Durch eine Öffnung im Dachgeschoss fällt der Blick ebenfalls auf das Modell. Anhand von dokumentarischen Quellen und Objekten beleuchtet die Ausstellung die KZ-Geschichte der Lichtenburg. Während im Erdgeschoss vor allem der historische Ort um Spannungsfeld von Reich und Region beleuchtet wird, widmet sich das Dachgeschoss dem lokalen Spannungsfeld von Opfern und Tätern. Schautafeln, Vitrinen mit Originalexponaten und Tische vermitteln überblickartige Informationen. Ausziehbare Vertiefungsebenen ergänzen die Informationen durch Hintergrundwissen. Medienstationen und Lesemappen runden die Gedenkstätte ab. Der Hallenser Historiker Sven Langhammer, ausgewiesener Lichtenburgkenner, hat mit seinem Team die Ausstellung in Zusammenarbeit mit Beiräten, auswärtigen Experten, anderen Gedenkstätten, Opferverbänden (darunter dem LSVD Sachsen-Anhalt) und Historikern entwickelt. Dr. Kai Langer betont: „Wir stehen hier erst am Anfang der Gedenkstättenarbeit und wollen demnächst auch ein pädagogisches Konzept vorlegen.“ Die alten Ausstellungen von 1965 und 1978 hatten sich einseitig auf den kommunistischen Widerstand fokussiert. Das Schicksal von Homosexuellen oder Zeugen Jehovas war vollständig ausgeblendet worden. Mit der neuen Dauerausstellung werden alle Opfergruppen angemessen und gleichberechtigt gewürdigt.

Die Veranstaltung zur Ausstellungseröffnung
Vor 250 geladenen Gästen (u.a. Martin Pfarr und Günter Heine für den LSVD) verwiesen Kultusminister Stefan Dorgerloh (SPD) und Landtagspräsident Detlef Gürth (CDU) auf die besondere Bedeutung dieses Tages vor dem Hintergrund der jüngst bekannt gewordenen neonazistischen Mordserie. Dorgerloh dankte allen, die dazu beigetragen haben, den Ort des Gedenkens gegen alle Widerstände zu erhalten. Während Stiftungsdirektor Dr. Kai Langer die Entstehung und Bedeutung des KZ Lichtenburg umriss, beschäftigte sich Edzard Reuter, Sohn von Ernst Reuter, mit den Widrigkeiten, die das Projekt und seine Befürworter jahrelang behindert hatten. Angesichts dessen habe er oft Enttäuschung und Wut verspürt, bekannte Reuter. Gitarrenmusik, Lyrik und Songs, vorgetragen von einer Sängerin und einem Gitarristen, umrahmten würdig die Veranstaltung in der sehenswerten ehemaligen Schlosskirche. Im Anschluss führte Gedenkstättenleiter Dr. Johannes Schwartz durch die Gedenkstätte.

Öffnungszeiten und Anreise

Die Gedenkstätte ist geöffnet dienstags bis donnerstags 9:00 – 15:30 Uhr, freitags 9:00 – 13 Uhr und jeden letzten Sonntag 13:00 – 17:00 Uhr.
Der Eintritt ist frei.
Anreise mit dem PKW: Aus Richtung Berlin über Jüterbog, Jessen, Annaburg. Aus Richtung Magdeburg über Dessau und Wittenberg. Aus Richtung Halle über Bitterfeld, Bad Düben, Elbfähre Dommitzsch. Mit ÖPNV: Aus Berlin mit RE 5 Richtung Falkenberg(Elster) bis Holzdorf (Elster). Weiter mit dem Anrufbus (Tel. 01805.366910, Anmeldung 1 Stunde vor Abfahrt) bis Prettin/Lindenstraße. Aus Magdeburg/Halle/Leipzig: Mit dem Zug bis Torgau. Weiter mit Buslinie 751 nach Prettin/Lindenstraße (meist Anrufbus, über 01802.783287 bis 2 Std. vor Abfahrt anmelden).
Mit dem Fahrrad: über den Elberadweg oder mit kostenloser Fahrradmitnahme in der Bahn in Sachsen-Anhalt bis Annburg und weiter auf der L 113 etwa 13 km bis Prettin.
Kontakt: Gedenkstätte KZ Lichtenburg,
Prettiner Landstraße 4, 06925 Annaburg, OT Prettin.
Telefon: 035386.6099-75, Fax: -77,
info-lichtenburg@stgs.sachsen-anhalt.de
www.stgs.sachsen-anhalt.de