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LSVD Sachsen-Anhalt

Stolpersteine

Zur Erinnerung an Homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus

Dort, wo Menschen wohnten oder wirkten, setzte der Kölner Künstler Gunter Demnig seit Jahren in Deutschland den Opfern des Faschismus mit der Aktion "Stolpersteine" ein Gedenken. Seit 1992 wurden über 8000 Erinnerungssteine in Deutschland in das Straßenpflaster verlegt, eine Messingplatte, auf der die Namen und Lebens-Daten zu lesen sind. Es wurden Millionen jüdischer Familien Opfer dieser Barbarei - aber auch andere Gruppen: über 400 Roma und Sinti in Magdeburg, Widerstandskämpfer/innen, Homosexuelle Männer und Frauen, Behinderte aus den Pfeifferschen Stiftungen, Zeugen Jehovas. weiterlesen

Hinzu zu zählen sind auch die in Magdeburg ermordeten Zwangsarbeiter,-innen, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene. Die Naziverbrecher zerstörten einen wichtigen Teil von Magdeburgs Kultur und gesellschaftlichem Leben – konnten ihn aber zum Glück nicht auslöschen- sonst würden wir heute nicht hier stehen.

Am 18. März 2007 wurden die ersten 13 Stolpersteine in Magdeburg verlegt. Der Stadtrat hatte das beschlossen und  eine Arbeitsgruppe vorbereitet.

Inzwischen sind es 33 Steine. Am 23. 11. 2009 werden noch weitere dazu kommen - und in diesem Jahr auch zur Erinnerung an 2 Homosexuelle Opfer: Benno Meyer und Hsoum Ling. Jeder/ jede kann "mit den Blicken" über die zukünftigen Steine  stolpern und wird erinnert: "Hier waren Menschen zu Hause, die ermordet wurden. Auch bei mir nebenan."
In einigen Fälle sind Angehörige bekannt, die dann nach Jahrzehnten zum ersten Mal einen Ort haben, der an Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel  erinnert.
Ob sich Verwandte aus dieser Zeit bei den Homosexuellen finden werden - bleibt noch offen….
Begleitend zu der Verlegung von Stolpersteinen in Magdeburg entsteht ein Gedenkbuch ermordeter Opfer des Nationalsozialismus, das im Rathaus aufbewahrt wird und festhält, was aus dem Leben der Frauen, Männer, Kinder bekannt ist.
Und besonders im Bereich der Geschichtsrecherche zur Homosexualität ist dies ein bisher oft blinder Fleck- auf den nun ein Licht gerichtet ist.
Selbstverständliche Nachbarschaft und Kollegialität gab es weder für die jüdischen Familien im vergangenen Jahrhundert noch für Homosexuelle. Und dies trifft auch leider heute noch nicht zu – solange noch Gefängnisstrafen und Todesstrafen gelten – neben fortschrittlichen Gesetzesgrundlagen und verbesserten Rechten.
3200 jüdische Menschen gab es 1928 in Magdeburg. 1521 von ihnen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet, davon 287 Kinder – unfassbare Zahlen - Menschenleben!
Wie hoch die Anzahl der homosexuellen Frauen und Männer war, die Opfer des Faschismus wurden - wie Einzellschicksale verliefen - Lebenswege - kann nur in wenigen Einzellfällen recherchiert werden. Da weibliche Homosexualität offiziell nicht strafbar war, verhafteten die Nazis lesbische Frauen meist unter Vorwänden. Deshalb sind "wissenschaftliche Erkenntnisse" über die Verfolgung weiblicher Homosexualität kompliziert. Anders als bei der Verfolgung homosexueller Männer, die anhand von Polizeiakten und KZ-Dokumenten nachvollzogen werden konnte, sind die Schicksale homosexueller Frauen fast ausschließlich durch die Berichte Überlebender zu rekonstruieren.

Eine äußerst schwierige Arbeit. Allein das Finden von Zeitzeuginnen erwies sich auch in Magdeburg als Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, da ältere und alte Frauen nicht in die Gruppen der Lesbenbewegung strömten. Wir werden aber weiter suchen… Rainer Hoffschildt recherchierte in den letzten Monaten die Biografien von homosexuellen Männern und wurde fündig - da es ein wirkliches Interesse des LSVD Sachsen-Anhalt , des Politischen Runden Tisches der Lesben und Schwulen des Landes und der Stadt Magdeburg - des Amtes für Gleichstellungsfragen - daran gab. Der Lichtschein darf somit noch nicht ausgestellt werden - der Lichtkegel sich nicht zu früh senken - da die Arbeit eigentlich erst begonnen hat.

Ingeborg Bachmann, Was wahr ist
"Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,
was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab
als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,
was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab."

Heike Ponitka, amt. Gleichstellungsbeauftragte der LH MD, bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an Homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus 20.08.2009

Gegen das Vergessen

Rede zur Gedenkveranstaltung für ermordete Homosexuelle aus Magdeburg am 20. August 2009
von Martin Pfarr

Die ermordeten Homosexuellen haben keinen Grabstein. 63 Jahre nach der Befreiung wurde für sie ein nationaler Ort der Erinnerung der Öffentlichkeit übergeben: Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin.  16 Jahre hatte der LSVD dafür gekämpft.
Nun haben wir durch die in diesem Jahr mit finanzieller Unterstützung der Landeshauptstadt durchgeführten Forschungen erstmals auch die Möglichkeit, Namen von Magdeburgern zu kennen, die wegen des § 175 verurteilt und in den  KZ ermordet wurden.weiterlesen
Wir gedenken heute stellvertretend für eine Reihe weiterer bekannter Opfer der ermordeten Hsoum Ling Li und Benno Meyer.  Für beide werden wir an der Stelle, wo sich ihr letztes Wohnhaus befand, am 23. November Stolpersteine verlegen können. Es wird das erste Mal sein, dass in Magdeburg Stolpersteine für ermordete Homosexuelle verlegt werden, nachdem bereits zahlreiche solcher Steine für jüdische Opfer im Stadtgebiet liegen. Wir rechnen damit, dass wir in den nächsten Jahren für 10 bis 15 ermordete Homosexuelle in Magdeburg Stolpersteine verlegen können.
Für die Verfolgten, die 1945 überlebt haben, kommen die Ehrungen leider zu spät. Das ist sehr bitter. Der letzte dem LSVD bekannte aus der Haftgruppe der Homosexuellen ist der inzwischen hochbetagte Rudolf Brazda. Er hat sich bei uns unmittelbar nach der Denkmalsübergabe von Berlin gemeldet und seither an einigen Gedenkveranstaltungen in Berlin teilnehmen können.
Einer der letzten Überlebenden war Pierre Seel. Er wurde als 17 jähriger im besetzten Elsass verhaftet, von der Gestapo gefoltert und in verschiedene Lager verschleppt. Er musste in einem der Lager der Hinrichtung seines Freundes zusehen, seiner ersten großen Liebe. Pierre Seel erinnerte sich später:
"Alle Gefangenen mussten auf dem Hauptplatz antreten, dazu gab es Musik. … Wagner, etwas Militärmusik auch. Ich stand vielleicht zehn Meter von meinem Freund entfernt. Man hat ihn ausgezogen, einen Eimer auf den Kopf gesetzt und die deutschen Schäferhunde losgelassen. Er wurde vor unseren Augen von den Hunden zerrissen und gefressen. Überall war Blut."
Aus dem KZ Sachsenhausen kennen wir das Klinkerwerk. Hier und im Steinbruch von Buchenwald wurden in systematischen Aktionen Homosexuelle ermordet.  Auch in Sachsen-Anhalt gab es Konzentrationslager, in denen Homosexuelle geschunden und ermordet wurden. Am bekanntesten ist dafür das KZ in der Lichtenburg in Prettin bei Wittenberg. Es war eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland überhaupt. Hier wurden auch sehr viele Homosexuelle eingeliefert, viele davon aus Berlin. Gegenwärtig ist dort  eine Gedenkstätte im Entstehen, die auch der homosexuelle Häftlinge gedenkt. Ein weiteres KZ befand sich bei Langenstein bei Halberstadt im Harz.
Nach dem in der NS-Zeit verschärften § 175, dem § 175 a genügte bereits ein Kuss unter Männern, um einen Homosexuellen zu verurteilen. Über 50 000 schwule Männer wurden während des Nationalsozialismus nach dem § 175 verurteilt. Nach Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe wurden viele von ihnen nicht etwa in die Freiheit entlassen, sondern in den Konzentrationslagern in sogenannte Schutzhaft genommen. Das Erkennungszeichen für die aufgrund des § 175 in die KZ verbrachten Homosexuellen war der Rosa Winkel.
Insgesamt wurden in den deutschen Konzentrationslagern zwischen 5 000 und 10 000 homosexuelle Männer ermordet.
Lesbische Beziehungen wurden nicht strafrechtlich verfolgt. War den Nazis die Homosexualität inhaftierter Frauen bekannt, bedeutete das dennoch verschärfte Bedrohung. Die Situation lesbischer Frauen im Nationalsozialismus ist zwar "kaum mit eindeutigen Verfolgungskriterien zu belegen", wie die auf diesem Gebiet besonders intensiv forschende Historikerin Claudia Schoppmann 2005 in einem Vortrag im Kolloquium in Vorbereitung das Kunstwettbewerbes für das Berliner Denkmal äußerte.  Schwule und Lesben erlebten aber gemeinsam die Zerschlagung ihrer Infrastruktur durch die Nazis. Lesbische Frauen  lebten eingeschüchtert und waren in ihren Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Es war eine "Zeit der Maskierung".
Die überlebenden homosexuellen NS-Verfolgten wurden nach 1945 keineswegs mit offenen Armen empfangen, weder in Osten noch im Westen. Im Gegenteil: Sie wurden angefeindet und verachtet – ähnlich wie die Überlebenden des Völkermords an Sinti und Roma, wie die Opfer von Zwangssterilisierung oder die Deserteure der Wehrmacht. Auch an dieses Unrecht nach 1945 ist heute zu erinnern.
Das Morden war vorbei, aber die Verfolgung ging weiter. Einige Rosa-Winkel-Häftlinge wurden nach der Befreiung aus dem KZ sofort wieder ins Gefängnis gesteckt. Sie mussten, darauf wies bereits Frau Dr. Hoffmann  in ihrem Grußwort hin,  ihre Reststrafe nach § 175 absitzen. Es ist ein monströser Schandfleck unserer Demokratie, dass das Homosexuellenstrafrecht der Nazis in der BRD bis 1969 unverändert in Kraft blieb. Es gab in der Bundesrepublik 50 000 Verurteilungen nach dem § 175 – fast so viele wie in der NS-Diktatur. Auch in der DDR-Diktatur wurden mehre tausend Menschen wegen ihrer Homosexualität verurteilt und eingesperrt, bevor 1957 das Strafrecht gelockert wurde. Weitere Generationen Homosexueller wurden in Deutschland um ihr Lebensglück betrogen. Es ist ungeheuerlich, dass in beiden deutscen Staaten Menschen im Gefängnis landeten, nur weil sie anders liebten. Das waren schwere Menschrechtsverletzungen. Auch dieses Unrecht muss endlich aufgearbeitet werden!
Erst 1988 wurde in der DDR und 1994 in der gesamten Bundesrepublik im Zuge der Rechtsangleichung im wiedervereinten Deutschland das Homosexuellenstrafrecht ganz abgeschafft.
Die Übergabe des Denkmals im Vorjahr wie das Gedenken an die verfolgten Homosexuellen an weiteren Orten wie in Neuengamme oder durch die Verlegung von Stolpersteinen zeigen: Verachtung und Unterdrückung von Homosexualität ist kein Naturgesetz, sondern ein unseliger Traditionsrest aus vordemokratischer Zeit. Homosexuellenfeindlichkeit ist hartnäckig, wie auch die wiederholten Schändungen des Berliner Denkmals  zeigen. Aber die zunehmende Zahl der Orte der Erinnerung zeigt: Es ist eine gesellschaftliche Krankheit, die überwunden werden kann.
Das sendet ein Signal der Hoffnung in die ganze Welt. In vielen Ländern werden Lesben, Schwule und Transsexuelle misshandelt, ja ermordet, ohne das staatliche Behörden eingreifen. In über 80 Staaten herrscht Strafverfolgung, in einigen steht auf gelebte Homosexualität die Todesstrafe. Stellen Sie sich plastisch vor, was es für ein Leben ist, wenn ein Liebespaar jede Nacht fürchten muss, dass die Sittenpolizei an die Tür klopft. Das ist ein Leben bar jeder Menschenwürde.
Aus seiner Geschichte heraus hat Deutschland die Pflicht, klare Kante zu zeigen gegen jede Form von Menschenrechtsverletzungen an Lesben, Schwulen und Transsexuellen in der ganzen Welt. Wir können heute hier in Magdeburg unseren Anteil daran leisten und leisten ihn auch künftig mit der Verlegung weiterer Stolpersteine.
Für die Stolpersteininitiative in Magdeburg sammeln wir Spenden morgen am Infostand des LSVD beim Abschlussfest des diesjährigen CSD im Garten des Volksbad Buckau, auf unserem Konto oder auf dem Konto der Stadt Magdeburg.

Wir erinnern an Paul Juhe

Stolperstein
Paul Walther Karl Juhe, geboren am 15. November 1897 in Magdeburg, kaufmännischer Angestellter, wohnhaft in Magdeburg, Blauebeilstraße 10, mehrfach verhaftet, aus dem Zuchthaus Coswig in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht, tot am 11. Juni 1940.
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Was wissen wir von ihm?
Paul Walther Karl Juhe ist der Sohn des Handelsmannes Franz Eduard Otto Juhe und seiner Frau Bertha Anna geb. Heisinger. Sein Geburtshaus in der Blauebeilstraße 10 ist auch sein letzter Wohnsitz; wahrscheinlich hat er immer bei seinen Eltern gewohnt. Jedenfalls ist er ledig geblieben. Er ist evangelisch. Er erlernt den Beruf eines Kaufmanns und ist als kaufmännischer Angestellter tätig. Laut einer im Zusammenhang einer Verhaftung erstellten Personenbeschreibung ist er 1,70 m groß, von untersetzter Gestalt, mit einem runden bartlosen Gesicht, blaugrauen Augen und blonden Haaren.
Sein Name taucht samt Adresse in einer Anzeige einer Zeitschrift für lesbische Frauen mit dem Titel "Die Freundin" (Ausgabe vom 14. November 1927) auf. Er bietet seine Anschrift als Kontaktadresse für Frauen an, die Mitglieder der "Damengruppen des Bundes für Menschenrecht" - einer politischen Organisation zur Emanzipation Homosexueller - werden möchten. Daraus ist zu ersehen, dass er zu seiner eigenen homosexuellen Orientierung steht - ein Zeichen seiner Emanzipiertheit und seines Mutes.
Mit einer Verhaftung am 1. März 1937 beginnt Paul Juhes Leidensweg. Nach mehreren Verhören wird er im Juni 1937 aufgrund des §175a zu einer Zuchthausstrafe verurteilt, die er im Zuchthaus Coswig verbüßt. In dieser Zeit wird er - vermutlich zu Zeugenaussagen - mehrfach in das Gefängnis Magdeburg gebracht. Am 8. Juni 1940 kommt er als "Schutzhäftling" in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er im Häftlingsblock 35 untergebracht wird. Bereits wenige Tage später, am 11. Juni 1940 um 23 Uhr, endet sein Leben, angeblich durch "Freitod durch Erhängen".
Quellen: Recherche Rainer Hoffschildt, Hannover; Zeitschrift "Die Freundin"; Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt; Standesamt Magdburg; Gedenkstätte Sachsenhausen; Internationaler Suchdienst Arolsen.
Der Stolperstein für Paul Walther Karl Juhe wurde durch den Lesben- und Schwulenverband Sachsen-Anhalt gespendet.

Wir erinnern an Paul Klotz

Stolperstein
Paul Klotz, geboren am 21. November 1897 in Magdeburg, Schlosser, wohnhaft zuletzt in Magdeburg, Kleine Steinernetischstraße 22. Am 3. August 1944 zum Tode verurteilt, hingerichtet am 27. November 1944 im Zuchthaus Halle.
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Was wissen wir von ihm?
Vom Werdegang und von den Lebensverhältnissen des aus Magdeburg-Fermersleben stammenden Paul Klotz wissen wir nur wenig. Seine Eltern heißen Oswald Klotz und Klara geborene Knopf. Sie wohnen in der Mansfelder Strafle 8. Paul zieht später in die Kleine Steinernetischstraße. Er bezeichnet sich als Dissident, also als aus der Kirche ausgetreten, aber gottgläubig. Er ist von Beruf Schlosser/Einrichter. Er bleibt ledig. Laut einer polizeilichen Personenbeschreibung ist er 1,69 m groß, hat braune Augen, dunkles Haar und eine schlanke Gestalt und Tätowierungen auf beiden Unterarmen.
Da wir leider nur aus solchen Polizeiakten etwas von ihm wissen, erscheint sein Leben seit seinem 35. Lebensjahr als eine Kette von Verhaftungen, Verurteilungen und Gefängnisaufenthalten.
Wann und aus welchen Gründen Paul Klotz erstmalig "straffällig" wird, ist nicht zu ermitteln. Aber unmittelbar nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten gerät er wegen seiner Homosexualität (es wird ihm "Vornahme unzüchtiger Handlungen" vorgeworfen) am 27. September 1933 in Polizeihaft.
Obwohl es offenbar nicht zu einer Anklage kommt (er wird bereits am 28. September entlassen) und obwohl er auch nach einer erneuten Verhaftung am 3. Mai 1935 schon nach wenigen Tagen, am 9. Mai 1935, wieder frei kommt - er bleibt im Visier der Polizei. Am 2. Juli 1935 wird er wegen Beleidigung (vermutlich mit homosexuellem Hintergrund) zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er tritt seine Gefängnisstrafe am 22. November 1935 an und wird am 23. Dezember 1935 in das Gerichtsgefängnis Halberstadt überstellt, von wo aus er wohl einem Arbeitskommando Oschersleben zugewiesen wird.
Nach seiner Haftentlassung wohnt er in der Kleinen Steinernetischstraße 16. Nach knapp einem Jahr, am 23. Januar 1937, wird er erneut verhaftet. Die Anschuldigung lautet diesmal: Vergehen gegen das"Heimtückegesetz" (Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei von 1934). Paul Klotz ist also als Nazigegner denunziert worden. Am 14. Mai 1937 wird durch das Amtsgericht Magdeburg eine Strafe von 1 Jahr und 3 Monaten Gefängnis verhängt, die er im Gefängnis Schönebeck verbüßt.
Vermutlich im Mai 1938 entlassen, gerät er am 3. Dezember 1938 erneut in Magdeburg in Untersuchungshaft wegen des Verdachts, sich gegen § 175 vergangen zu haben. Das Urteil über 1 Jahr und 2 Monate Gefängnis (ein Monat gilt durch die Untersuchungshaft als verbüßt) wird am 13. Januar 1939 verhängt. Als er im Februar 1940 entlassen wird, hat er keinen festen Wohnsitz. Ist ihm wegen seiner mehrfachen Gefängnisaufenthalte die Wohnung gekündigt worden? Er findet aber in derselben Straße, der Kleinen Steinernetischstraße 22 wieder eine Wohnung.
Es vergehen etwa vier Jahre, bis Paul Klotz am 14. April 1944, wieder unter dem Vorwurf, gegen §175 verstoßen zu haben, erneut verhaftet wird. Am 3. August 1944 wird er durch die Jugendschutzkammer beim Landgericht Magdeburg als "gefährlicher Gewohnheitsverbrecher" zum Tode verurteilt. Die Revision des Angeklagten wird am 16. Oktober 1944 durch das Reichsgericht verworfen.
Am 27. November 1944 erfolgt im Zuchthaus Halle durch den Scharfrichter Roselieb die Hinrichtung durch Enthauptung. In der Niederschrift über die Vollstreckung findet sich die Bemerkung: "Der Verurteilte hat als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher mit Jugendlichen gleichgeschlechtlichen Verkehr ausgeübt".
Die Leiche wird zum Gertraudenfriedhof in Halle transportiert; am 30. Juli 1945 wird die Urne beigesetzt und später in die Abteilung "Opfer des Faschismus" umgebettet.
Quellen: Recherche Rainer Hoffschildt, Hannover; Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt; Aktenauswertung von Michael Fiebig, Halle.
Der Stolperstein für Paul Klotz wurde durch den Stadtverband DIE LINKE Magdeburg gespendet.

Wir erinnern an Hsoum Ling-Li

Stolperstein
Hsoum Ling-Li, geboren am 7. März 1904 in Kanton (China), Arbeiter, wohnhaft in Magdeburg, Prälatenstraße 16. Er wird im Juni 1940 verhaftet, Untersuchungsgefängnis Magdeburg, bis 1942 Zuchthaus Brandenburg, Juni 1942 KZ Sachsenhausen, Außenlager Klinkerwerk, dort ermordet am 17. Juli 1942.
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Was wissen wir von ihm?
Hsoum Ling-Li stammt aus Kanton. Kanton ist sowohl der Name für die Stadt unweit von Hongkong, als auch für die sie umgebende südlichste Provinz Chinas. Der Vorname Hsoum findet sich in den Akten auch in der Schreibweise Hsum oder Li-Hsum. Auch der Nachname taucht in verschiedenen Schreibweisen auf: Ling-Li oder Ling. Offenbar haben Justiz und SS Probleme mit dem chinesischen Namen.
Welches Schicksal Ling-Li als Chinesen in diesen Kriegszeiten nach Deutschland verschlagen hat, ist unbekannt. 1940 wohnt er in der Prälatenstraße 16 in der Altstadt Magdeburgs (Die Jahrhunderte alte "Prälatenstraße" heißt seit 1975 Max-Josef-Metzger-Straße, 2005 wird ein Teil der Straße rückbenannt).
Die Hausnummer 16 befand sich etwa dort, wo heute die Krügerbrücke in die Himmelreichstraße mündet. Die Anschrift ist auf der Gefangenenkarte von Hsoum Ling-Li verzeichnet. So wird der chinesischdeutsche Arbeiter auf dieser Gefangenenkarte beschrieben: 1,61 m groß, von untersetzter Gestalt, volles Gesicht, braune Augen, "Stupsnase", eine Narbe an der Wange, schwarzes Haar, eine freie Stirn, rasiert. Weiter heißt es, er sei ledig und kinderlos und er spreche sowohl chinesisch als auch deutsch. Zu seiner Religion gibt es unterschiedliche Angaben, mal heißt es, er sei ohne Religion, mal, er sei evangelisch. Verwandte habe er laut eigener Aussage keine.
Ende Juni 1940 liefert die Polizei Ling-Li wegen "Sittlichkeitsverbrechens" in das Untersuchungsgefängnis Magdeburg ein. Ende August desselben Jahres transportiert man ihn für einen Termin am Landgericht Berlin - ob als Zeugen oder Angeklagten, ist nicht bekannt - in das Gefängnis Berlin-Moabit. Mitte Oktober ist er wieder zurück im Gefängnis Magdeburg, wird aber bereits Ende des Monats erneut nach Berlin gebracht, diesmal kommt er dort in Untersuchungshaft. Das lässt vermuten, dass er in Berlin auch verurteilt wird. Jedenfalls verliert sich seine Spur in Magdeburg. Auf seiner Gefangenenkarte ist noch ein wieder durchgestrichener Vermerk zu erkennen, der besagt, er sei zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Vielleicht wurde er ja auch zweimal verurteilt. Denn vermutlich erhielt er eine Zuchthausstrafe von etwa zwei Jahren. Bekannt ist jedenfalls, dass er Anfang Mai 1942 aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden "entlassen" wird. In dem Gefängnisbuch ist zunächst "Ausweisung" vermerkt, dies ist aber auch wieder gestrichen worden.
Tatsächlich dürfte Ling-Li nicht in die Freiheit entlassen sondern wieder der Polizei übergeben worden sein, vermutlich, zumal er Ausländer ist, der Gestapo. Denn im Juni 1942 transportiert man ihn als "Berufsverbrecher" in das KZ Sachsenhausen. Er erhält die "Häftlingsnummer 43.263 § 175". Sehr bald wird er mit fast allen Schwulen aus dem KZ Sachsenhausen weiter in das Außenkommando Klinkerwerk transportiert. Klinkerwerk ist die "Mordfabrik" des KZ Sachsenhausen, ein Großziegelwerk mit eigenem Hafen an der Lehnitzschleuse. Hier sollen Ziegel für Albert Speers geplante Großbauvorhaben in Berlin produziert werden. Von Juli bis September 1942 werden hier fast alle Rosa-Winkel-Häftlinge des KZ Sachsenhausen in einer gezielten Aktion der SS ermordet, 180 bis 200 Menschen. Im Klinkerwerk wird auch ein anderer Homosexueller aus Magdeburg gefangen gehalten, Kurt Köpp, dem Hsoum Ling-Li begegnet sein könnte. Es ist gut denkbar, dass sich die beiden auch schon aus Magdeburg kennen.
Am Freitag dem 17. Juli 1942 wird Hsoum Ling-Li zusammen mit acht weiteren Homosexuellen ermordet, Kurt Köpp mit sieben anderen Schwulen bereits eine Woche vorher. Im"Sterbebuch Oranienburg" wird unter dem Namen Hsoum Ling-Li folgende Todesursache verzeichnet:
"Schulterblattschuß mit Durchtrennung des Herzens bei Fluchtversuch". Offenbar wird er von hinten und schräg von oben erschossen. Die am häufigsten angegebene Todesursache bei der SS-Mordaktion lautet "bei Fluchtversuch erschossen".
Hsoum Ling-Li ist, als er stirbt, erst 38 Jahre alt.

Quellen: Recherchen von Rainer Hoffschildt und Christian-Alexander Wäldner (beide Hannover) und - im Archiv in der Gedenkstätte Sachsenhausen - Fred
Brade und Joachim Müller; Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt Abteilung Magdeburg (C 144 Gefängnis Magdeburg, Gommern und Schönebeck B, Nr. 276 A ˆ Z); ITS-Archiv Bad Arolsen: (Gruppe PP Ordner 3158, S. 58, Seite des Gefangenenbuches); Müller, Joachim, Unnatürliche Todesfälle, Vorfälle in den Außenbereichen Klinkerwerk, Schießplatz und Tongrube, in: Joachim Müller, Andreas Sternweiler, Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen, Berlin 2000, S. 216 ˆ 263; Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen: FSB-Archiv, Moskau, N-19092/Tom 98, B. 193, (Signatur im Archiv Sachsenhausen: JSU 1/98, Bl. 193); Sterbebuch Oranienburg, Nr. 2142 vom 29.07.1942.
Der Stolperstein für Hsoum Ling-Li wurde vom Lesben- und Schwulenverband Sachsen-Anhalt gespendet.

Wir erinnern an Benno Meyer

Stolperstein
Benno Hans Paul Meyer, geboren am 2. Mai 1878 in Braunschweig, Architekt und Bauführer, wohnhaft in Magdeburg, Regierungsstraße 23. Im April 1937 Verhaftung, Haft in Magdeburg und St. Georgen-Bayreuth, 1940 KZ Sachsenhausen; 5. Juni 1941 "Kommando S", wahrscheinlich ein Transport in die Euthanasieanstalt Sonnenstein bei Pirna; ermordet. Tod angeblich am 2. Juli 1941 durch Kreislaufversagen, angeblich im KZ Sachsenhausen, Urnenbeisetzung in Güterfelde im Mai 1942.
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Was wissen wir von ihm?
Benno Meyer kam 1878 als Sohn von Hermann Meyer und von Helene geborene Schubert, zur Welt. Die Eltern haben sein schreckliches Ende nicht mehr miterleben müssen, aus einer Information aus dem Jahr 1941 geht hervor, dass sie da beide bereits verstorben sind.
Die Berufsangabe ist in den spärlich überlieferten Akten unterschiedlich, sowohl Architekt als auch Bauführer wird angegeben. In Magdeburg wohnt er in der Regierungsstraße gegenüber dem Kloster Unser Lieben Frauen. Sein Bruder Kurt lebt unweit von ihm ebenfalls in der Altstadt Magdeburgs. Auf der Gefangenenpersonalkarte wird sein Aussehen so beschrieben: 1,76 m groß, von untersetzter Gestalt, ovales Gesicht, graue Augen, Glatze und ohne Bart. Er ist ledig und kinderlos und hat sonst"keine besonderen Kennzeichen".
Vermutlich Anfang April 1937 wird er in Polizeihaft genommen. Dort verhört man ihn und er "gesteht" seine homosexuellen Neigungen.
Mitte April wird er von der Polizei Magdeburg in die Magdeburger Untersuchungshaftanstalt eingeliefert aufgrund § 175 Strafgesetzbuch in der 1935 radikal verschärften NS-Fassung.
Bereits zwei Monate später, am 11. Juni 1937, verurteilt ihn das Amtsgericht Magdeburg aufgrund §175 StGB zu drastischen drei Jahren Gefängnis. Wegen der Höhe der Strafe kann angenommen werden, dass man ihm wahrscheinlich vorwarf, mehrere Partner gehabt zu haben. Da er geständig ist, wird die Untersuchungshaft von 68 Tagen auf seine Strafhaft angerechnet. Mitte Dezember 1937 transportiert man ihn vom Gefängnis Magdeburg in das damals schon sehr große und heute noch bestehende Gefängnis St. Georgen-Bayreuth. Hier verliert sich seine Spur zunächst. Rein rechnerisch hätte er Anfang Juni 1940 aus der Strafhaft entlassen werden müssen. Vermutlich wird er aber nicht in die Freiheit entlassen, sondern von der Polizei in Vorbeugungshaft genommen.
Anfang Dezember 1940 wird der mittlerweile 62-Jährige in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert, als "B.V. 175 Nr. 34.542 SK". Das "B.V." kategorisiert ihn als "Berufsverbrecher".
"175" ordnet ihn der Gruppe der homosexuellen Rosa-Winkel-Häftlinge zu, die auch unter den Mithäftlingen auf der untersten Stufe stehen. Als Schwuler kommt er in die Strafkompanie"SK", in der unter erschwerten Bedingungen über einige Jahre im Schuhläuferkommando Militärschuhe auf stundenlangen Märschen auf einer Rundstrecke getestet werden. Nach nicht einmal einem Monat, Anfang Januar 1941, erkrankt er und wird in den Krankenbau des Konzentrationslagers eingeliefert, erneut Mitte Februar 1941.
Ob er jemals wieder richtig gesund wird, ist sehr fraglich. Jedenfalls teilt man ihn am 5. Juni 1941 dem "Kommando S" zu. Damit ist wahrscheinlich der"Transport S" gemeint, auf den um diese Zeit - am 4., 5. und 7. Juni 1941 - 269 unter anderem durch den Arzt Friedrich Mennecke ausgewählte Häftlinge geschickt werden. Mit Lastwagen werden sie in die Euthanasie-Tötungsanstalt Sonnenstein bei Pirna in Sachsen transportiert und in der dortigen Gaskammer mit Kohlenmonoxid erstickt. In dieser Tötungsanstalt ermorden die Naziverbrecher 1940 und 1941 etwa 14.000 Menschen.
Gezielte Vergasungsaktionen an Homosexuellen sind wie etwa bei den Juden oder Sinti und Roma bislang nicht bekannt. Trotzdem gab es Vergasungsaktionen an kranken und nicht mehr arbeitsfähigen invaliden KZ-Häftlingen, die für die SS wertlos geworden sind. Davon sind auch etliche homosexuelle Männer betroffen.
Gewöhnlich haben die Nazis solche Mordaktionen vertuscht, indem sie falsche Todesursachen und möglicherweise auch falsche Angaben des Todesortes und Todeszeitpunktes dokumentieren. Deshalb sind die offiziellen standesamtlichen Angaben zum Tode Benno Meyers wahrscheinlich eine Fälschung, zumindest sehr mit Misstrauen zu betrachten. Zu seinem Tod wird nämlich angegeben, er sei am 2. Juli 1941 um 6.25 Uhr im KZ Sachsenhausen, und angeblich an Kreislaufversagen angesichts vorhandener Altersschwäche, verstorben. Wahrscheinlicher ist aber, dass er in Sonnenstein ermordet wird, nachdem er in sieben Monaten Konzentrationslagerhaft systematisch zu Tode geschunden worden war. Benno Meyer erreicht das Alter von 63 Jahren.
Erst am 21. Mai 1942 wird seine Urne auf dem Waldfriedhof in Güterfelde südlich von Berlin beigesetzt. Auf diesem Waldfriedhof erinnert ein Denkmal an alle dort bestatteten KZ-Häftlinge, auch an ihn.
Quellen: Recherchen von Rainer Hoffschildt (Hannover) und - im Blick auf das Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen - Fred Brade und Joachim Müller (beide Berlin); Sterbezweitbuch des Standesamtes Oranienburg (1941); Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt Abteilung Magdeburg: (C 144 Gefängnis Magdeburg, Gommern und Schönebeck B, Nr. 276 A-Z, Gefangenenpersonenkarte); ITS-Bad Arolsen; Standesamt Braunschweig.
Der Stolperstein für Benno Meyer wurde von Petra und Peter Ließmann, Helmstedt, gespendet.

Wir erinnern an Heinrich Georg Karl Heyer

Stolperstein
Heinrich Georg Karl Heyer, geboren am 14. Februar 1914 in Wegeleben bei Halberstadt, Land- oder Fabrikarbeiter, wohnhaft in Magdeburg, Oranienstraße 3, nach mehrfachen Gefängnisaufenthalten KZ Buchenwald und KZ Mittelbau-Dora, tot am 9. April 1944 im KZ Bergen-Belsen.
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Was wissen wir von ihm?
Von seinem kurzen, gerade 30 Jahre währenden Leben sind nur kleine Mosaiksteine bekannt. Sie ergeben kein deutliches Bild einer Persönlichkeit. Was wir wissen, ist lediglich, dass er eins der zahllosen Opfer der unmenschlichen Weltsicht und brutalen Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten wurde.
Heinrich Georg Karl Heyer ist der Sohn von Karl Heyer und Emma geborener Brauckoff. Als ihr Sohn geboren wird, wohnen sie in Wegeleben in der Nähe Halberstadts, Quedlinburger Straße 7. Wann Heinrich Heyer nach Magdeburg zieht und ob er das mit seinen Eltern zusammen oder zunächst allein tut, ist nicht bekannt. 1935 wohnt er in der Oranienstraße 3 (heute Danzstraße, neue Bebauung); nach späteren Angaben ist das auch der Wohnsitz der Eltern. Er ist als Land- oder Fabrikarbeiter tätig, möglicherweise ohne reguläre Berufsausbildung. 1935, 21-jährig, kommt er zum ersten Mal in Untersuchungshaft, weil er seine homosexuelle Neigung gelebt hat (der Paragraph 175 des damaligen Strafgesetzes spricht von “widernatürlicher Unzucht”). Er ist nach den Polizeiakten 1,82 m groß, von schlanker Gestalt, mit bartlosem Gesicht, dunklen Augen und dunkelblondem Haar. Offenbar ist es aber zu keiner Verurteilung gekommen. Zu kurzen Haftstrafen wird er in den Jahren 1937 und 1938 verurteilt (wegen “unbefugten Uniformtragens”,“Entziehung der Wehrüberwachung” und Glückspiels).
1938 kommt es dann zu einer Verurteilung auf Grund des Paragraphens 175 und zur Einlieferung in das Zuchthaus Coswig. Wie man vermuten muss, sitzt er dort ein, bis er am 28. August 1943 in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert und in den Block 30, den Homosexuellenblock, eingewiesen wird. Im Februar 1944 wird er in das Außenlager Mittelbau-Dora verbracht, dessen Insassen eine unterirdische Produktionsanlage für die berüchtigten V-Waffen errichten müssen. Wie etwa 20 000 andere Beschäftigte fällt er sehr schnell den unmenschlichen Bedingungen in diesem “Arbeitslager” zum Opfer; schon nach einem Monat bringt ihn ein Krankentransport in das Konzentrationslager Bergen- Belsen. Dort kommt er nach zwei Wochen, am 9. April 1944 zu Tode, verstorben angeblich an Wassersucht.
Quellen: Recherche Rainer Hoffschildt, Hannover; Gedenkstätten Bergen-Belsen, Buchenwald, Mittelbau-Dora; Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg; Verwaltungsgemeinschaft Bode-Holtemme (Geburtseintrag); April 1995 Namensveröffentlichung im Gedenkbuch von Bergen-Belsen (Informationsstand August 2011)

Wir erinnern an Kurt Willi Köpp

Stolperstein
Kurt Willi Köpp, geboren am 12. Dezember 1915 in Magdeburg, Schneider, wohnhaft in Magdeburg, Gutenbergstraße 15, ermordet am 10. Juli 1942 im KZ Sachsenhausen.
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Was wissen wir von ihm?
Kurt Willi Köpp wird gerade einmal 26 Jahre alt. Von seinem kurzen Leben haben sich nur wenige Spuren erhalten. Sie lassen den Leidensweg eines unauffälligen jungen Mannes erkennen, dessen homosexuelle Neigung in den Augen der nationalsozialistischen Machthaber ein todeswürdiges Verbrechen ist.
Kurt Willi Köpp ist der Sohn des Schneidermeisters Otto Emil Köpp und seiner Ehefrau Emelie Ottilie geborene Nikolai. Die Familie wohnt zur Zeit seiner Geburt in der Waagestraße 7a. Zuletzt wohnt Köpp zusammen mit seinem Vater - die Mutter ist nicht mehr am Leben - in der Gutenbergstraße 15. Er bleibt unverheiratet und wohnt, wie es scheint, immer in der elterlichen Wohnung. So wird er den Schneiderberuf bei seinem Vater erlernt haben.
Dass Kurt Köpp 168 cm groß und von untersetzter Gestalt ist, ein ovales bartloses Gesicht, blaue Augen und blonde Haare und - als besonderes Kennzeichen - eine linke Hüftlähmung hat, wird in den Polizeiakten festgehalten, als er im August 1937, 21-jährig, in Untersuchungshaft kommt. Ihm wird Verstoß gegen Paragraph 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen.
Wegen "widernatürlicher Unzucht" wird er am 1. November 1937 zu 3 Jahren Gefängnis abzüglich 2 Monaten Untersuchungshaft verurteilt.
Während der Haft erhält er zweimal kurzen Urlaub, vermutlich aus familiären Anlässen. Im September 1940 wird er entlassen.
Aber sehr bald verliert er seine Freiheit wieder, bereits im Januar 1941 wird er vom KZ Neuengamme (wohin er offenbar wegen seiner Homosexualität verbracht worden ist) in das KZ Dachau transportiert, von dort im Juli nach Buchenwald, wo er im Steinbruch arbeitet (Häftlingsnummer 6.995 Paragraph 175). Aber bereits im März 1942 gelangt er ins Männerlager des KZ Ravensbrück und schließlich im Mai ins KZ Sachsenhausen (Nr. 33.490).
Am 10. Juli 1942 wird er mit sieben anderen Homosexuellen im Außenkommando Klinkerwerk ermordet, wo die SS zwischen Juli und September 180 bis 200 Häftlinge (rosa-Winkel-Träger) umbringt (so genannte Klinkerwerkmorde), darunter auch Ling-Li Hsoum, der zuletzt wie Köpp in Magdeburg gelebt hat.
Quellen: Recherche Rainer Hoffschildt, Hannover, 2010; Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg; IST Bad Arolsen
Der Stolperstein für Kurt Willi Köpp wurde aus Spenden finanziert, um die Stadtrat Wolfgang Wähnelt, Magdeburg anlässlich seines 50. Geburtstages gebeten hatte.

Wir erinnern an Fritz Arnold Kruse

Stolperstein
Fritz Arnold Kruse, geboren am 8.Mai 1890 in Altona, Kaufmann, wohnhaft in Magdeburg, Hohepfortestr.34, verhaftet 1939 wegen § 175 StGB, Polizeigefängnis Magdeburg, 1. Juni 1940 KZ Sachsenhausen, tot am 9. Juni 1942.
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Was wissen wir von ihm?
Fritz Arnold Kruse wurde am 8. Mai 1890 in Altona, heute Hamburg-Altona, geboren. Er war evangelischer Religion und blieb ledig. 1935 arbeitete er als Vertreter und hatte, da er wohl viel auf Reisen war, keinen festen Wohnsitz. Am 6. August 1935 wurde der 45Jährige vom Amtsgericht Magdeburg zu sechs Monaten Gefängnis wegen Betrugs verurteilt. Am 1. November 1935 stellte er sich im Gefängnis Magdeburg, um seine Strafe zu verbüßen. Als Verwandte gab er seine Mutter Paula Kruse in Hamburg an. Im Mai 1937 dürfte er aus der Haft entlassen worden sein. 1937 wurde er erneut, diesmal vom Amtsgericht Torgau, zu neun Tagen Gefängnis verurteilt; die Strafe wurde aber zur Bewährung ausgesetzt.
1939 arbeitete er als Kaufmann und wohnte in Magdeburg in der Hohepfortestraße 34. Am 12. Juni 1939 lieferte die Polizei Magdeburg den nun 49Jährigen in das Gefängnis Magde-burg ein. Dort wurde auch eine Personenbeschreibung von ihm erstellt: Größe: 1,70 m, bartlos, graue Augen, kräftige Gestalt, ovales Gesicht, blonde Haare, freie Stirn, besonderes Kennzeichen: Blinddarmnarbe. Als Vorstrafen wurden nun vier Gefängnisstrafen angegeben. Seine Karteikarte wurde mit dem Stempel „Moorfähig“ versehen. Als Verwandte wurde lediglich ein Vormund, Pastor Lüdeke, angegeben – möglicherweise war er entmündigt worden. Im Juli wurde er für eine Woche in das Gefängnis Elsterwerda transportiert, vielleicht zu einer Zeugenaussage. Am 20. November 1939 verurteilte ihn das Amtsgericht Magdeburg nach §175 StGB zu zehn Monaten Gefängnis abzüglich fünf Monate Untersuchungshaft. Es ist eine ziemlich geringe Strafe; ihm wurde wahrscheinlich nichts vorgeworfen, was heute noch strafbar wäre.
Kurz vor seinem Haftende ordnete die Kriminalpolizei Magdeburg Überhaft für ihn an und am 29. April 1940 wurde er der Kripo übergeben. Am 1. Juni 1940 wurde der 50Jährige in das KZ Sachsenhausen als „Berufsverbrecher“ transportiert und erhielt die Nummer „BV 175 Nr. 25.187“. Dort erkrankte er, wurde am 28. Juni 1940 in den Krankenbau gebracht und erst am 27. Februar 1941 wieder daraus entlassen. Doch er erkrankte erneut und wurde aus dem Block 12 am 14. Oktober 1941 wieder in das Krankenrevier eingeliefert. Am 9. Juni 1942 um 13.30 Uhr starb Fritz Arnold Kruse im KZ Sachsenhausen im Häftlingsblock 14 angeblich an Herz- und Kreislaufschwäche beim Grundleiden rechtsseitige offene Lungentuberkulose im Alter von 52 Jahren. Wahrscheinlich starb er aber doch wohl durch die Strapazen der Haft und die Unterversorgung. Er hatte rund zwei Jahre im KZ Sachsenhausen überlebt, überdurchschnittlich lange.
Beigesetzt wurden seine Überreste auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf.

Wir erinnern an Hans August Knüppel

Stolperstein
Hans August Knüppel,geboren am 7. Januar 1899 in Magdeburg-Sudenburg, Kaufmann und Eisenhändler, wohnhaft in Magdeburg, Hermann-Göringstraße 5 (heute Tucholskystraße 5), verhaftet 1935, Polizeigefängnis Magdeburg, entlassen 1936, verhaftet 1938, verurteilt wegen § 175 StGB zu vier Jahren Zuchthaus in Coswig, 19. Februar 1942 KZ Buchenwald, 13. März 1942 KZ Ravensbrück, 20. Juli 1942 KZ Dachau, tot am 17. November 1942 in Dachau.
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Was wissen wir von ihm?
Hans August Knüppel wurde am 7. Januar 1899 in Magdeburg-Sudenburg geboren. Sein Vater war der Ingenieur Wilhelm August Julius Knüppel, seine Mutter Adele Knüppel, geborene Günther. Er war evangelischer Religion.
1935 arbeitete er als Kaufmann und Eisenhändler in Magdeburg; der ledige 36Jährige wohnte noch bei seinen Eltern in Groß Ottersleben Hermann Göringstraße 5, heute Magdeburg-Sudenburg, Tucholskystraße. Am 1. August 1935 wurde er von der Polizei wegen Sittlichkeitsverbrechens nach §175 StGB in das Gefängnis Magdeburg eingeliefert und deswe-gen am 10. September 1935 vom Amtsgericht Magdeburg zu zehn Monaten Gefängnis, abzüglich einem Monat Untersuchungshaft, verurteilt. Zur weiteren Strafverbüßung wurde er im Februar 1936 in ein anderes Gefängnis transportiert. Im Juni des gleichen Jahres dürfte er dort zum rechnerischen Strafende entlassen worden sein.
1938 wohnte er immer noch an der gleichen Anschrift zusammen mit seiner Mutter. Am 25. Januar 1938 wurde der mittlerweile 39Jährige erneut von Polizei in Untersuchungshaft in das Gefängnis Magdeburg wegen „widernatürlicher Unzucht“ eingeliefert.7 Nun wurde auch eine Personenbeschreibung von ihm erstellt: Größe: 1,72 m, bartlos, blaue Augen, schlanke Gestalt, ovales Gesicht, Glatze, keine besonderen Kennzeichen. Er wurde vermutlich in Magdeburg und wahrscheinlich aufgrund § 175a StGB zu drastischen vier Jahren Zuchthaus verurteilt und am 16. Juni 1938 in das Zuchthaus Coswig transportiert.
Etwa im Januar 1942 dürfte er seine Strafe verbüßt haben. Doch der mittlerweile 43Jährige wurde nicht in die Freiheit entlassen sondern am 19. Februar 1942 mit weiteren fünf Homosexuellen in das KZ Buchenwald eingeliefert. Er erhielt die Nummer „1.542 Homosexueller“.
Bereits nach rund drei Wochen wurde er am 13. März 1942 weiter in das Männerlager des KZ Ravensbrück transportiert, wo er die Nummer 1.432 erhielt. Von dort wurde er nach weiteren vier Monaten am 20. Juli 1942 in das KZ Dachau transportiert, wo er zwei Tage später ankam und die Nummer 32.057 erhielt.
Er muss nun schwer erkrankt sein. Bis hierher sind seine Daten noch verlässlich. Sicher ist auch, dass er am 14. Oktober 1942 von Dachau aus auf einen „Invalidentransport“ mit unbekanntem Ziel kam. Es gab solche Transporte für nicht mehr arbeitsfähige und kranke Häftlinge z.B. von Dachau in das Schloss Hartheim, wo die Häftlinge vergast wurden. Seine nachfolgenden Todesdaten sind zumindest unsicher, wenn nicht gar gefälscht, um die Mörder zu schützen. Er starb angeblich am 17. November 1942 im KZ Dachau an Herzversagen im Alter von 43 Jahren. Nur rund neun Monate hatte er das KZ-System der Nazis überlebt. Tatsächlich starb er aber doch wohl durch die Strapazen der Haft und die Unterversorgung im KZ..

Karte der Stolpersteinverlegeorte in Magdeburg

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